IMMOBILIEN Neubau in der Roßdörfer Straße schließt eine Lücke / Abschied von der Kneipe „Trittbrett“ DARMSTADT –

Im Woogsviertel wird eine weitere Baulücke geschlossen. Zwischen dem Einrichtungshaus Pötz am Roßdörfer Platz und dem nächsten Wohnhaus in der Roßdörfer Straße entsteht ein Mehrfamilienhaus mit sechs Eigentumswohnungen. Es war eine der wenigen verbliebenen urigen Ecken Darmstadts. Links eine aufgegebene Autotankstelle. Rechts ein Ruinengrundstück, besetzt mit einer einstöckigen Hütte, der, als wär’s die Ponderosa-Ranch, eine Holzplanke über das Fenster genagelt wurde; „Trittbrett“ steht schwungvoll darauf. Es war aber eine Kneipe von ganz eigenem Charakter. Das Rustikale ihrer Erscheinung und das Rustikale ihrer Gäste seien deckungsgleich gewesen, heißt es; Fußballübertragungen wurden hier konsumiert; im Internet werden bis heute „am Wochenende verbilligte Schnapspreise“, die Musik („Oldies und Schlager“) und die Einrichtung („wie alte Eisenbahnwaggons“) gerühmt. Allein die Kneipe hat seit geraumer Zeit zu. Und so, wie die Tankstelle vis-à-vis einem kantig-kubischen Neubau Platz machen musste, so werden auch in der Lücke zwischen dem Einrichtungshaus Pötz und dem nächstfolgenden Haus zeitgemäße Wohnungen in die Höhe gestaffelt, sechs an der Zahl. Probleme mit felsigem Gestein Als Investor tritt hier die Heiner Immobilien- und Grundbesitz GmbH auf den Plan, die sich mit dem Weiterstädter Architekten Andreas Scharf zusammengetan hat. Er habe es mit „relativ großen Anforderungen“ zu tun gehabt, sagt Scharf. Einerseits mit der Grundstücksbreite von nur 12,50 Meter, andererseits mit einem besonders hartnäckigen Baugrund – Odenwälder Granit. In spätestens zwei Meter Tiefe, das zeigten Probebohrungen, begannen die Probleme. Aus Rücksicht darauf verzichteten Bauherr und Architekt auf die zunächst vorgesehene Tiefgarage. „Es wäre zu kompliziert und teuer geworden, und wohl auch eine zu große Zumutung für die Nachbarn“, sagt Umut Özpolat, Geschäftsführer der Heiner-Immobilien. Keine Tiefgarage, das bedeutete, das Raumkonzept des Gebäudes noch einmal umzustoßen. Die Autos der Bewohner werden nun im Erdgeschoss geparkt; in den Etagen darüber ist Platz für insgesamt 520 Quadratmeter Wohnfläche in verschiedenen Konfigurationen bis zum Penthouse ganz oben. In den Formen gibt der Architekt sich zurückhaltend; „wir haben versucht“, sagt Scharf, „es ein bisschen modern hinzubekommen, das Ziel war, Symmetrie und Harmonie mit dem Gegenüber“ – womit er sich auf den Neubau des Investors Karakaya am Auftakt der Roßdörfer Straße bezieht. Weiß und hart setzt dieser Komplex seit wenigen Monaten dort ein städtebauliches Achtungszeichen, wo zuvor das Nichts war. Oder, je nach Betrachtung, die zu Beginn erwähnte urige Ecke. Weiß und hart, wie aus Würfeln geschachtelt und mit Kon-trasten aus Anthrazit, das ist en vogue, wo immer in der Stadt gebaut wird. Dem, sagt Özpolat, habe man sich anpassen wollen, und bekennt: „Wenn ich mir selber eine Wohnung kaufen würde, dann wollte ich es auch so haben.“ An der Straße wird mit dem Bau die Häuserflucht geschlossen; auf der Rückseite sind die Etagen abgetreppt, mit Balkon im dritten und einer Dachterrasse im vierten Stock. Das Erdgeschoss reicht zwanzig Meter tief aufs Grundstück, die erste Etage nur noch 14,70 Meter. Wie die anderen Neubauten im Woogsviertel zeigt sich auch dieser verblüffend verkehrszugewandt. Lange Zeit galten solche Standorte mitten im Getümmel als kaum vermittelbar. Eine neue, sich selbst als urban und mobil begreifende Schicht sieht jedoch eher die Vorteile. Und so wirbt der Investor mit der „erstklassigen Lage“. Nähe zu „Kultur, Natur und Stadtleben“ garantiere ein „ausgewogenes Lebensgefühl“. Noch im März soll das „Trittbrett“ abgerissen werden. Die Roßdörfer Straße ist bis Herbst halbseitig gesperrt, die Bushaltestelle wandert ein paar Meter nach Osten. Im Frühjahr 2017 sollen die Arbeiten beendet sein; der wilde Winkel am Eingang zum Quartier ist dann endgültig Geschichte.

Dezember 2016 Von Klaus Honold Text und Bilder komplett von Echo-online übernommen. Quelle: www.echo-online.de/lokales/darmstadt/weisse-wuerfel-fuers-stadtleben_16706567.html